Das Tier als Freund des Menschen

Die Zeit mit Putzie

Putzie war einer unserer ersten Stallhasen, den wir hatten. Jahrelang durften wir sie unser eigen nennen. Stolze Besitzerin war eigentlich unsere älteste Tochter. Sie wählte den Namen „Putzie“ aus einem einfachen, nachvollziehbaren Grund:
„…Weil sie sich immer putzt“, wie unsere Tochter damals in ihrer kindlichen Art die Namensfindung erklärte.

In unsere Familie gekommen ist Putzie damals, mitten im Sommer, mit ihrem Bruder Frank. Beide Häschen waren herzig, knuddelig und erst wenige Wochen alt.

Nicht nur unsere Kinder, auch mein Mann und ich waren stolz darauf, dass wir die beiden Tierchen von Bekannten angenommen hatten – und sie somit davor bewahrt wurden, irgendwann womöglich im Kochtopf zu enden. Denn so ein Ende, das hatten wir uns geschworen, sollte sie nicht ereilen  - und auch keinen anderen Langohr, den wir je behalten würden.

Die Zeit verging. Bei gutem und warmen Wetter durften Frank und Putzie tagsüber nach draußen, in ihr Freigehege im Rasen. Im grünen Gras schienen sie sich ausnehmend wohl zu fühlen. Nur leider mussten wir die beiden voneinander trennen, da sie ja „Hasenmann“ und „-frau“ waren, und unerwünschten Nachwuchs wollten wir vermeiden.
Dies brachte uns jedoch auf die Idee, Putzie doch einmal belegen zu lassen – und abzuwarten, ob es nicht kleine Hasenbabys geben sollte.

Der Bruder einer Bekannten stellte uns einen potentiellen „Vater“ zur Verfügung. Gespannt setzten wir unsere „Dame“ in seinen Stall und harrten der Dinge, die da kommen sollten.
Viel zu schnell war alles vorbei und wir gingen mit unserer Putzie wieder nach Hause – in freudiger Erwartung, ob die „Partner-Zusammenführung“ vielleicht Früchte tragen würde.

Man sah Putzie nicht an, ob sie nun Nachwuchs in ihrem Bauch hatte, oder nicht. Uns fiel nichts Gravierendes auf, dass sie sich in irgend einer Form veränderte in den nächsten Wochen. Einmal ist sie sogar aus ihrem Stall ausgebüxt. Als sie jedoch nach mehreren Stunden wieder in unserem Garten saß, seelenruhig, als wäre nichts gewesen, fingen wir sie wieder ein.

Ein bis zwei Wochen später, um Ostern, war es dann soweit: Ich suchte die Ställe hinter dem Haus auf um Putzie und Frank zu füttern. Putzie saß, wie immer, neben der Tür. Als ich diese öffnete, um sie zu streicheln, hörte ich plötzlich ein leises Fiepen. Und dann sah ich es:

Da war etwas, in der hinteren Ecke des Hasenstalls. Tief im Stroh und unter Fellbüscheln vergraben, rührte sich da ab und zu etwas. Es war ein Nest mit mehreren Hasenbabys. Putzie hatte ihren Nachwuchs zur Welt gebracht!
Das war vielleicht eine Aufregung!
Die Kinder waren vor Freude ganz aus dem Häuschen, und eine ereignisreiche Zeit, die nicht nur für die Kids, sondern auch für uns Erwachsene interessant war, nahm ihren Anfang.

Es dauerte einige Tage, bis wir erkannten, dass sieben prachtvolle Hasenbabys im Nest lagen. Putzie erfüllte ihre Mutterrolle wirklich vorbildlich. Uns gegenüber verhielt sie sich zahm und zutraulich wie immer. Ihren Nachwuchs schien sie gut zu versorgen. Wir sahen zwar nie, dass sie ihn gesäugt hat, aber die Kleinen wuchsen und gediehen prächtig.
Bald hatten sie ein Fell und begannen, das Umfeld ihres Nests zu erkunden. Es dauerte nicht sehr lange, und sie „wanderten“ aus ihrem Quartier aus und begannen damit, ihre Mutter ebenfalls sehr zu strapazieren. Aber Putzie ließ sich nichts anmerken, und es machte ihr nichts, wenn sie mal wieder von einem Häschen angerempelt wurde oder sich eines unter ihren Bauch legte.

Begeistert hat uns das, wie bald die kleinen Tierchen damit begannen, ebenfalls das Futter ihrer Mutter zu fressen und Wasser aus ihren Napf zu trinken. Manchmal saßen sie auch mitten in der Futterraufe, das war unheimlich goldig.

Auch die Kleinen wurden größer. Nach reiflicher Überlegung entschlossen wir uns, vier davon zu behalten. Die anderen gaben wir an Bekannte weiter. Nun lebten wir also weiter mit insgesamt sechs Hasentieren.
Einmal bekam Putzie noch einen Wurf mit neun Jungen. Danach haben wir sie nicht mehr belegen lassen.
Unmerklich war bei der Hasendame auch schon „der Herbst des Lebens“ angebrochen. Deshalb durfte sie, wie ihr Bruder Frank, ihr Gnadenbrot bei uns erhalten. Nach rund 10 Jahren war die gemeinsame Zeit jedoch vorbei, und die Stunde des Abschieds war gekommen.

Putzie war älter geworden, und sie war nicht mehr ganz so beweglich wie in vergangenen Tagen. Alles dauerte eben etwas länger, aber ansonsten machte sie noch einen sehr munteren Eindruck.
Doch das blieb nicht immer so. Mit einem Mal wurde die Häsin völlig apathisch und fraß nichts mehr. Da es draußen kalt und unfreundlich war, richteten wir ihr eine Kiste und nahmen sie mit ins Haus, um sie zu umsorgen. Zu der Appetitlosigkeit schienen sich innerhalb kürzester Zeit noch Schluckbeschwerden zu gesellen.

Nicht mal nach einem Tag später war Putzie dann gestorben. Ich war nach einem Termin nach Hause gekommen und fand sie tot in ihrer Kiste liegend. Ein Besuch beim Tierarzt, den wir noch vorgehabt hatten, war somit auf traurige Art und Weise unnötig geworden.

Einen schwachen Trost bedeute es uns in der trübsinnigen Stunde, dass Putzie nicht sehr lange leiden musste oder tagelang dahingesiecht ist. Betroffen hat uns ihr Tod aber trotzdem sehr. Wir wussten jedoch auch, dass dieser Augenblick, wann immer im Leben, unvermeidbar ist und es nie einen günstigen Augenblick dafür gibt.

Putzie bekam ihre letzte Ruhestätte hinter unserem Haus unter einem Baum. So kann sie jetzt vielleicht immer noch in den Garten schauen und sieht das grüne Gras, in dem sie mit ihrem Bruder und ihren Hasenkindern herumgetollt ist. Manchmal denke ich, sie ist immer noch bei uns.


Veröffentlicht am 10.01.13, geschrieben von Ursula Neubig, Webseite: Neue Tiergeschichten


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